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Hei├čkalt

Seit Stunden sitzt er schon im Kinosaal. Draußen die unerträgliche Hitze des südindischen Sommers, der Staub und Lärm der großen Stadt. Zum dritten Mal sieht er denselben Film in Überlänge.

Spaß macht das schon lange keinen mehr, aber er weiß auch nicht, wohin er sonst gehen könnte. Sein Geld ist alle. Aber seine Eltern anrufen? Eine Tante? Sie werden seine Abwesenheit längst bemerkt haben. Bestimmt sind sie sogar richtig sauer und wütend. Vielleicht aber auch ängstlich und besorgt. Das geschähe ihnen eigentlich ganz recht, denkt er… Dann begreifen sie endlich, wie es ihm geht!

Aber selbst, wenn... Es führt trotzdem alles nur dazu, dass sie doch wieder in den Flieger steigen, dass sie ihn wieder mit nach Österreich nehmen, nach Wien, in dieses kalte Land mit den so kalten Menschen. Besonders seine Mitschüler*innen sind kalt. Der Gedanke an sie lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Heute sitzt mir der verzweifelte Junge von damals gegenüber, auf seinem Sofa, in seinem Wohnzimmer. Er erzählt, dass er an diese Zeit im Kinosaal oft denken muss… Diese Zeit sei seine Passionsgeschichte gewesen… Für ihn war damals die Welt zu Ende... Keine Rettung in Sicht... keine Perspektive mehr…

Und dann sehe ich ihn mir genau an. Mehr als 20 Jahre später. Neben ihm sitzt seine Frau - bequem und lässig im Schneidersitz. Verschmitzt lächelt sie ihn an. Um sie herum toben die beiden Kinder. Und sein Blick ist weich und ruhig. Er bewegt sich nicht. Er lächelt nicht mal offensichtlich.

Und doch ist da diese große Energie, die von ihm ausgeht. Fast scheint es mir, als könnte ich sein Herz von Stolz und Liebe bersten sehen.

Dass es einmal so kommen würde, hätte er das doch nur damals schon gewusst…

– Nora Larsen • Vikarin in Horn (Bremen) –